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Frau Lochte, Sie koordinieren ein Projekt, das erstmals Tiefseeforscher und Raumfahrtexperten vereint. Unterschiedlichere Welten kann man sich kaum denken.
Karin Lochte: In der Tat haben wir auf unserem ersten Treffen Ende Januar noch einmal gemerkt, wie verschieden die Umgebungsbedingungen sind. Hoher Druck, Salzwasser, Finsternis und Kälte in der Tiefsee. Im Weltraum dagegen Vakuum, stark schwankende Temperaturen sowie extreme UV-Strahlung
und doch arbeiten Sie zusammen.
Aber beiden Seiten geht es um den Bau von Forschungsrobotern für Extrembedingungen. Aus dieser Perspektive gibt es viele Gemeinsamkeiten.
Welche sind das vor allem?
Zum Beispiel Energieversorgung und Datenübertragung: Gemeinsam wollen wir ein System aufbauen, das aus einer zentralen Station und mehreren autonomen Robotern besteht. Diese Module sollen selbständig an die Station andocken, Messwerte übertragen und Energie aufladen. So etwas gibt es bisher weder in der Tiefsee noch im All.
Bei einem Roboter auf dem Mars leuchtet das ein; dorthin sind die Steuersignale von der Erde ewig unterwegs. Aber warum interessiert das auch Tiefseeforscher?
Wir erhoffen uns vor allem in der intelligenten Datenerfassung Fortschritte. Bisher müssen wir oft mit dem Schiff vor Ort sein, um Daten auszulesen und die Akkus aufzuladen. In Zukunft könnten Roboter selbständig zum Beispiel heiße Quellen am Meeresboden untersuchen und später zur Basisstation zurückkehren. Die kann eine Boje an die Wasseroberfläche schicken, die Daten an einen Satelliten funkt, der sie danach zu uns nach Bremerhaven überträgt. Und die Bojen gibt es bereits.
Und was ist mit der Energieversorgung?
Die Basisstation könnte in der Tiefsee aus Meeresströmungen Energie gewinnen. Raumfahrtexperten setzen auf ihre bewährten Solarzellen, aber die funktionieren nicht überall: An den Polen des Mondes zum Beispiel ist der Winkel, in dem die Sonne auf sie trifft, zu flach. Auch hier wäre zentrale Stromerzeugung vonVorteil, an einer Stelle mit gutem Lichteinfall.
Wer bringt welche Erfahrungen in die Kooperation ein?
In der Autonomie ihrer Roboter sind die Experten für Planetenerkundung wesentlich weiter, da hoffen wir zu profitieren. Und natürlich beim Leichtbau, was ja für Raketen-Nutzlasten Standard ist. So könnten wir von unseren Sieben-Tonnen-Ungetümen wegkommen, die nicht einfach zu handhaben sind. Die Raumfahrtforscher wiederum haben längst nicht so viel Gelegenheit wie wir, ihre Entwicklungen zu testen. Bei der Umsetzung von Feldtests, mit einem Gerät in unterschiedlichen Umgebungen, könnten wir helfen.
Gibt es zwischen Tiefsee- und Raumfahrtforschern so etwas wie kulturelle Unterschiede?
Na ja, wir Meeresbiologen gebrauchen die Technik als reines Werkzeug für die Forschung. Raumfahrtingenieure interessieren sich stärker für Roboter an sich. Was für Projekte planen Sie konkret? Wir wollen jeweils eine modulare Tiefsee- und eine Planetenstation bauen. Beide könnten bei Spitzbergen getestet werden. Dort gibt es nicht nur interessante Meeresströmungen, das vegetationsfreie Gelände entspricht auch dem typischer Planeten. Sie sehen: Manchmal liegen Tiefsee- und Weltraumforschung näher zusammen, als man denkt.
Karin Lochte
ist Tiefseeforscherin und Direktorin des Alfred-Wegener-Instituts für Polar- und Meeresforschung und koordiniert die neue Helmholtz-Forschungsallianz Robex Robotische Exploration unter Extrembedingungen. In ihr entwickeln Forscher des AWI, des Deutschen Zentrums für Luft- und Raumfahrt (DLR) sowie acht weiterer Institute und Universitäten gemeinsam Roboter für die Tiefsee und den Mond.
Interview: Wolfgang Richter
© New Scientist Deutschland GmbH 9/2013
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