Neurocomputer Schlaue Schaltkreise

Spikey denkt nut, dass er denkt.
KIP/ Universität Heidelberg

Spikey denkt nut, dass er denkt.

Chips nach Vorbild des Gehirns arbeiten schneller und energieeffizienter als gängige Technik.

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Von Grund auf neu gestaltete Computerchips, die das menschliche Gehirn nachahmen, sind im Begriff, ihre konventionelle Konkurrenz zu überflügeln – und könnten bald unser Verständnis der Funktionsweise des Hirns revolutionieren.

Versuchen Forscher das Gehirn zu simulieren, arbeiten sie meist mit gewöhnlichen Rechnern. Dazu setzen sie Programme ein, die das Verhalten von Neuronen nachahmen können. Die neuen neuromorph genannten Chipdesigns hingegen setzen auf den Nachbau ganzer Neuronen-Netzwerke – mit Hilfe analoger Komponenten, die zu den Anfängen der Computertechnik zum Einsatz kamen. "In unserem System ist jedes Neuron in Form von Hardware aufgebaut", sagt Karlheinz Meier, Physiker an der Universität Heidelberg.

Renaissance der Analogtechnik

Sein neuer Chip, nach dem charakteristischen Übertragungspuls der biologischen Vorbilder Spikey genannt, besitzt knapp 400 künstliche Neuronen, kleine elektronische Schaltkreise mit Kondensatoren, die wie ihre biologischen Vorbilder elektrische Ladung speichern können.

Spikey unterscheidet sich von normalen Computern vor allem in der Art, wie die Verbindungen dieser Neuronen aufgebaut werden. Diese künstlichen Synapsen bestehen aus bis zu 20 Transistoren und können wie ihre echten Pendants die Stärke der Strompulse, die sie übertragen, variieren. "Analoge Schaltkreise sind ausgestorben, als die digitalen Computer leistungsfähiger wurden", sagt Meier. Nun stünden sie vor einem Comeback, ist er überzeugt.

Die künstlichen Neuronen auf dem Spikey-Chip sind unterschiedlich miteinander verbunden, um die verschiedenen Hirnschaltkreise abbilden zu können. Meier hat sechs verschiedene neuronale Netze in Hardware modelliert, einschließlich eines, das sich an dem Geruchssystem der Insekten orientiert. Spikeys künstliches Netzwerk verhält sich tatsächlich fast genauso wie sein natürliches Vorbild (Link: arXiv.org/abs/1210.7083).

"Bei der Simulation von neuronalen Architekturen kann man derzeit nicht besser werden", urteilt Massimiliano Versace, Chef des Neuromorphic Lab an der Boston University.

Neuromorphe Chips haben gegenüber der herkömmlichen Technik viele Vorteile. Da sie Speicher und Berechnung anders als digitale Rechner physisch nicht trennen, laufen sie viel schneller und verbrauchen auch deutlich weniger Energie. Und sie sind unempfindlicher für Beschädigungen.

Fallen auf einem gewöhnlichen Chip ein paar Bits aus, bedeutet das für ihn oft gleich das Aus – verliert der neuromorphe Vertreter ein paar Neuronen, kann er, wenn auch etwas langsamer als vorher, munter weiterarbeiten. Computerkonzerne wie IBM und HP untersuchen die denkenden Chips daher ebenfalls; bei einigen medizinischen Anwendungen wie Hörprothesen für das Innenohr haben sie sich bereits bewährt.

Fehlertolerant und schnell

Versace arbeitet zusammen mit der Nasa an einem neuromorphen System, das einen Marsrover steuern soll. Wegen der hohen Fehlertoleranz sei diese Art Chip besser gegen die starke Strahlung im All gewappnet, sagt der Forscher.

"Herkömmliche Computerchips sind schneller und energieeffizienter geworden, mit neuromorphen Chips werden sie aber niemals mithalten können", sagt Meier. Zum Ende dieses Jahrzehnts werden die leistungsfähigsten Supercomputer rund einen Millijoule benötigen, um eine Synapse zu simulieren, Spikey braucht für die gleiche Aktion eine Million Mal weniger Energie. "Diese Lücke kann die digitale Technik niemals schließen", versichert Meier. Sein Team arbeitet gerade an einer größeren Version von Spikey. "Anstatt knapp 400 Neuronen habe diese jetzt 200 000", sagt Meiers Kollege Thomas Pfeil.

Das System nimmt einen kompletten Wafer mit einem Durchmesser von rund 20 Zentimetern ein, auf dem neben den Neuronen auch noch Millionen von Synapsen aufgebaut sind. Im nächsten Jahr wollen Pfeil und Meier einen kleinen Abschnitt der Hirnrinde einer Ratte simulieren. Künftig sollen die Computerchips ermöglichen, Theorien über bestimmte Hirnfunktionen experimentell zu überprüfen – Neuron für Neuron. Thomas Pfeil: "Ziel ist, eine vollkommen neue Rechnerarchitektur zu schaffen."

Michael Marshall

© New Scientist Deutschland GmbH
First published in New Scientist 0/2012,
Reed Business Information Ltd., England.

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insgesamt 3 Beiträge
1. Von Äpfeln und Birnen
mdew 30.11.2012
"Herkömmliche Computerchips sind schneller und energieeffizienter geworden, mit neuromorphen Chips werden sie aber niemals mithalten können" Schon die ersten Taschenrechner konnten besser und schneller rechnen als ein [...]
"Herkömmliche Computerchips sind schneller und energieeffizienter geworden, mit neuromorphen Chips werden sie aber niemals mithalten können" Schon die ersten Taschenrechner konnten besser und schneller rechnen als ein Mensch die Zahlen überhaupt eintippen kann. Die Computer können viel schneller (und vor allem genauer!) rechnen als analoge Computer. D.h. es kommt auf die Anwendung an. Analoge Computer haben ganz sicher ihre Vorzüge. Aber es sind glücklicher Weise ziemlich gegensätzliche Vorzüge. Daher sollte man doch eher von sich ergänzenden Techniken sprechen als von konkurrierenden... Allerdings gilt es ersteinmal brauchbare "Compiler" oder "Designer" für analoge Computer zu kreieren. Die Lösung dieses Problems entscheidet wesentlich über die Zukunft der analogen Computer. Meines Wissens ist eine solche Lösung leider nicht in Sicht...
2. @mdew
silverhair 02.12.2012
Die Arbeitsweise und Rechenmethoden von Neuronalen Signalen ist schon lange bekannt , und unter dem Thema Stochastische Rechensysteme zu finden! Entsprechende Compilerschnittstellen gibt des deshalb in den wissenschaftlichen [...]
Die Arbeitsweise und Rechenmethoden von Neuronalen Signalen ist schon lange bekannt , und unter dem Thema Stochastische Rechensysteme zu finden! Entsprechende Compilerschnittstellen gibt des deshalb in den wissenschaftlichen Bereichen schon lange , den in seiner Basis geht es da nur um eine Orts-Zeit tranformation! Allerdings ist dieser Bereich längst wirklich auf Randgebiete verschoben, Sensoren und spezielle Ausfallsichere Teile werden so noch conzipiert! Der aktuelle Vorteil der neuronalen Netzwerke ist aber nicht ihre "Programmierbarkeit" sondern ihre Fähigkeiten selbständig aus Mustern zu lernen - also ohne "Programmierung" auszukommen, weil eben auch in der Natur es keine Compiler oder Programme in dieser Art gibt! Neuronale Netzwerke lernen aus der Beobachtung ihrer Umwelt - Stichwort Mustererkennung, und das vom Tage ihrer "Geburt" btw. wenn sie das erstemal eingeschaltet werden! Die - wenn man es so nennen möchte liegt in der Verschaltung - die bei natürlichen Netzwerken sich selber bildet, aber da dort noch wesentliche Faktoren Unbekannt sind bildet man erstmal bekannte Strukturen ab , ein Übergangszustand der mit fortschreitendem Begreifen wie auch das lernen selber funktioniert im Laufe der Zeit wohl auch wegfallen wird! Und eine ganze Reihe von Lösungen liegen durchaus schon in den Schubladen, sie konnten bisher schlichtweg aufgrund der fehlenden Möglichkeit der Notwendigkeit von Mio solcher Schaltzellen auf kleinem Raum nicht getestet oder umgesetzt werden!
3. @silverhair
mdew 03.12.2012
>Der aktuelle Vorteil der neuronalen Netzwerke ist aber nicht ihre "Programmierbarkeit" sondern ihre Fähigkeiten selbständig aus Mustern zu lernen - also ohne "Programmierung" auszukommen, weil eben auch in [...]
>Der aktuelle Vorteil der neuronalen Netzwerke ist aber nicht ihre "Programmierbarkeit" sondern ihre Fähigkeiten selbständig aus Mustern zu lernen - also ohne "Programmierung" auszukommen, weil eben auch in der Natur es keine Compiler oder Programme in dieser Art gibt!" Auch soetwas muss selbstverständlich ersteinmal programmiert werden: selbstlernende Programme halt - nix neues. Auch unser Gehirn verdrahtet sich erst im Laufe des Lebens und ändert auch vorhandene Verdrahtungen. Das ist eindeutig nichts anderes als Programmieren (zur Laufzeit!). Ein leistungsfähiger analoger Computer wird programmierbar sein und ganz sicherlich keine stupide festverdrahtete Maschine. Auch kann man auf konventionellen Computern analoge Computer simulieren. Trotzdem können wir bis heute nicht einmal eine Stubenfliege im Computer nachbauen. Vielleicht sollten wir ersteinmal über die Algorithmen nachdenken bevor wir uns an die Hardware machen. Platt gesagt: Wir sind noch zu blöd um Gehirne nachzubauen. Es mangeld nicht an der Hardware, sondern am Verständnis wie ein Gehirn funktioniert... >Und eine ganze Reihe von Lösungen liegen durchaus schon in den Schubladen, sie konnten bisher schlichtweg aufgrund der fehlenden Möglichkeit der Notwendigkeit von Mio solcher Schaltzellen auf kleinem Raum nicht getestet oder umgesetzt werden! Exakt! Bei Prozessoren kann man schon lange millarden von Schaltungen verdrahten. Bei analogen Schaltungen geht das noch nicht. Warum? Na, weil entsprechende leistungsfähige Designer schlichtweg nicht existieren. Sag ich doch :-) Ein erster Schritt wäre vielleicht zB konventionelle Prozessoren asynchron zu gestalten. Solche Ansätze gibt es schon, zB für Armprozessoren -> macht Prozessoren schneller UND sparsamer. Allerdings ist auch das sehr aufwändig und benötigt deutlich mehr Chipfläche. Wenn man das in entsprechende Designer einfliessen läßt, kommt man der Lösung schon einen kleinen Schritt näher. Aber wegen der mangelnden Nachfrage hat sich in dem Bereich natürlich auch noch nicht viel getan. Mit dem Aufkommen von Smartphones und Tablets könnte sich das aber auch sehr schnell ändern - Hoffnung!
  • Datum: Donnerstag 01.11.2012 | 00:00 Uhr
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