01. November 2012, 00:00 Uhr

Internet-Zensur

Die Große Mauer 2.0

Der chinesische Staat versucht systematisch, seine Bürger von unerwünschten Websites fernzuhalten - mit häufig seltsamen Methoden.

Wie hängt ein Hundesalon in Florida mit der Internet-Zensur in China zusammen? Ganz einfach: Jeden Tag leitet Chinas Staat zahllose Bürger auf die Website eines Ladens in Miami um, der Schönheitskuren für Hund und Katze anbietet. Warum die Nutzer gerade auf dieser Seite landen, ist jedoch ein Mysterium.

Chinesen, die auf unerwünschte Seiten zugreifen wollen, finden sich häufig in den entlegensten Winkeln des Web wieder. Eine aktuelle Untersuchung zur Internet-Zensur im Reich der Mitte legt außerdem nahe, dass Server systematisch mit falschen Informationen vergiftet werden. Gerade jetzt, während sich an der Spitze der Regierung ein Machtwechsel vollzieht, dürften sich die Behörden mit besonderer Hingabe der Kontrolle von Information widmen. Mitte November ernannte die Kommunistische Partei Xi Jinping zum neuen Vorsitzenden, auch andere Posten in der Parteispitze wurden neu besetzt.

Ein Schild gegen das vermeintlich Böse

Vermutlich gibt es auf der ganzen Welt keine Operation zur Internet-Zensur, die so ausgefeilt und umfassend ist wie Chinas "Goldenes Schild". Außerhalb Chinas versuchen nun verschiedene Organisationen, das Vorgehen der Regierung im Netz transparenter zu machen. Das Projekt Herdict am Berkman Center For Internet and Society der Harvard University etwa verschafft sich mit Hilfe der Betroffenen einen Überblick über gesperrte Seiten in China und in anderen Ländern. Wer eine Website nicht erreicht, kann das unter herdict.org melden. Im November zählten Twitter, Facebook, Nachrichtenseiten wie die der BBC und politische Websites wie tibet.net zu jenen Adressen, die am häufigsten nicht zugänglich waren.

Die Zensoren setzen verschiedene Techniken ein: Mal sperren sie Seiten, mal erwecken sie den Anschein, die Internetverbindung sei besonders langsam. Mal landen Nutzer schlicht nicht da, wo sie hinwollten.

Joss Wright, Informatiker am britischen Oxford Internet Institute der Oxford University, überwachte die Rückmeldungen von 187 Domain Name System Servern (DNS-Servern) in ganz China. Die Rechner funktionieren wie Telefonbücher: Sie verknüpfen den Namen einer Website mit ihrer IP-Adresse. Anhand dieser Nummernfolge stellt der heimische Rechner die richtige Verbindung her.

Wright fand heraus, dass manche DNS-Server Anfragen für häufig gesperrte Seiten mit "existiert nicht" beantworteten. Andere leiteten den Nutzer an falsche IP-Adressen weiter – eine Methode, die als "DNS-Vergiftung" bezeichnet wird. "Das ist, als stünde im Telefonbuch die falsche Nummer", sagt Wright.

An dieser Stelle kommt der Hundesalon in Miami ins Spiel. Geben Menschen in China torproject.org ein – die Adresse eines Dienstes, der die Spuren des Nutzers im Netz verwischt – landen sie häufig auf thepetclubfl.net.

Andere chinesische DNS-Server schicken Surfende auf leere Seiten oder Computer in Aserbaidschan, Irland oder Italien. Im November verwehrte China mittels DNS-Vergiftung vorübergehend den Zugang zu Google und vielen dazugehörigen Diensten.

In Peking wird strenger zensiert als in Shanghai

Die Taktik ist sinnvoll, weil sie Aktivisten keine neue Munition liefert – schließlich könnte es sich bei der Umleitung ja auch um einen Fehler handeln. Wright spekuliert, dass sich mit der Methode auch das Verhalten der Nutzer besser überwachen lasse: Wer von China aus die Seite eines Hundesalons in Miami besucht, tut das selten mit Absicht.

Der Informatiker stellte auch fest, dass die Überwachung in verschiedenen Teilen des Landes unterschiedlich strikt ist. In Peking zensierten die Behörden strenger als in Shanghai. Und er fand Anzeichen für eine koordinierte Zensur: Für Umleitungen wie jene auf die Seite des Hundesalons sind DNS-Server unterschiedlicher Firmen verantwortlich, die im ganzen Land verstreut sind. Offenbar erhielten alle Zensoren vor Ort eine Liste mit vorgegebenen Vergiftungen, einschließlich thepet clubfl.net. Wright hat einen Artikel über seine Erkenntnisse bei der Fachzeitschrift Information, Communication and Society eingereicht.

Ryan Budish, Leiter des Herdict-Projekts, hält es für plausibel, dass in China eine abgestufte Form der Zensur existiert. Die Filter seien nicht aus einem Guss, sagt er. Doch sie sind zweifellos wirksam: "Das, was man über die Web-Filter in China wissen muss, ist, dass sie sich seit Jahren unglaublich hartnäckig halten", so Budish. Wohin wird sich die Zensur unter der neuen Führung entwickeln? Budish glaubt, die größte Herausforderung sei die Überwachung von Microblogging-Seiten. Besonders beliebt ist weibo.com, die chinesische Version von Twitter. "Das Tempo, mit dem hier neue Inhalte entstehen, ist schwindelerregend", sagt Budish. "Das zu kontrollieren wird schwierig."

Richard Fisher


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© New Scientist Deutschland GmbH
First published in New Scientist 0/2012,
Reed Business Information Ltd., England.

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