Dies ist die Website des neuen wöchentlichen Wissensmagazins der SPIEGEL-Gruppe. Hier finden Sie spannende Neuigkeiten aus Wissenschaft und Technik, verblüffende Videos aus Forscherlaboren und kuriose Beobachtungen aus dem Alltag.
Egal wie der Mensch mit dem Computer arbeitet, noch immer steht er mit einem Gerät in direkter Verbindung: Sei es wie seit 30 Jahren üblich per Tastatur und Maus oder seit neuestem per Touchscreen. Was wäre, wenn der PC einfach auf unsere Gesten und Bewegungen reagiert? Videospieler kennen das Prinzip Gestensteuerung bereits von Microsofts Spielekonsole Xbox.
Doch damit das Ganze funktioniert, müssen sie sich in einem festen Bereich vor einer Kamera aufhalten. Wissenschaftler von Microsoft Research im britischen Cambridge, einem Forschungslabor des Konzerns, gehen nun einen Schritt weiter. Ihr Sensor "Digits", dessen Prototyp Projektleiter David Kim vergangene Woche in Cambridge, Massachusetts, vorstellte, sollen Benutzer einfach an der Hand befestigen und überall benutzen können.
Das Testgerät ist so groß wie zwei Streichholzschachteln und wird wie eine Uhr getragen - allerdings mit dem Gerät am Puls. Unter dem Handgelenk beleuchten vier Infrarot-LEDs die Finger. Neben den Dioden ist seitlich versetzt ein Infrarot-Laser montiert, der ermöglicht, die Orientierung der Finger zu erkennen.
Spion am Handgelenk
Zwischen den Leuchtdioden sitzt eine Kamera. Sie erfasst die Reflektionen des Lichts von Laser und Dioden durch die Handfläche. Daraus berechnet ein Programm die Bewegungen der Finger bis auf einen Zehntel Millimeter genau. "Wir wollen normale Bewegungen nicht einschränken, und eine kontinuierliche Steuerung ermöglichen", erzählt Projektleiter Kim. "Wir mussten uns an Systemen orientieren, die klein sind und wenig Strom verbrauchen."
Noch ist die Steuerung etwas sperrig und per Kabel mit dem Computer verbunden. Die nächste Generation soll drahtlos arbeiten und groß wie eine Armbanduhr sein.
"Digits ist wirklich eine tolle Idee", urteilt der Computerwissenschaftler Thad Starner vom Georgia Institut of Technology. Er verwendet seit 20 Jahren ein tragbares Computersystem und ist maßgeblich am Google Projekt "Glass" beteiligt. Dabei werden Informationen aus dem Internet in das Sichtfeld einer Brille eingeblendet. Starner sieht großes
Potential darin, die beiden Techniken zu koppeln. "Es ist vorstellbar, wirklich ausgefeilte Gesten zu benutzen", erzählt er. "Ich würde es im Unterricht verwenden, um Informationen einzublenden, während ich spreche." Die wahre Stärke von Digits sei aber das das kontinuierliche Erfassen von Bewegungen statt bloß einzelne seperate Gesten zu registrieren, wie etwa Zeigefinger und Daumen zusammenzupressen.Beim Spielen lernen
Derzeit arbeitet Starner daran, hörgeschädigten Kindern mittels eines Videospiels Gebärdensprache beizubringen. "Könnten sie beim Spielen ein System tragen, das die Fingerbewegung übermittelt und nicht größer als eine Uhr ist", sagt Starner, "dann könnten wir sehen, wie sie ihre Gesten mit der Zeit entwickeln und ihnen Feedback geben."
Tragbare Computer und Steuergeräte leicht wie Uhren oder Brillen sind für Starner Ausdruck einer neuen Symbiose zwischen Mensch und Maschine. "Der Zugriff auf Daten in Sekundenbruchteilen macht uns leistungsfähiger und gibt uns mehr Kontrolle über unser Leben", schwärmt der Forscher. "Von dort ist es nur noch ein kleiner Schritt, technische Systeme zu nutzen, ohne darüber nachzudenken.
Hal Hodson, first published in New Scientist © 2012
© New Scientist Deutschland GmbH
2012
Alle Rechte vorbehalten.
Vervielfältigung nur mit Erlaubnis der SPIEGEL-Gruppe.