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Es begann mit Schmerzen in der rechten Seite - beim Husten oder Niesen. Zuerst glaubte Stephanie Dunn Haney, sie hätte sich eine Rippe gebrochen. Also wartete die US-Amerikanerin erst einmal ab. Doch die Schmerzen verschwanden nicht, nach eineinhalb Jahren ging Dunn Haney zu ihrer Ärztin. Die machte eine Röntgenaufnahme, konnte darauf aber nichts Auffälliges entdecken.
In den nächsten 18 Monaten folgten Untersuchungen im Kernspintomografen, Ultraschall, Physiotherapie und Chiropraktik. Der Schmerz blieb. Dunn Haney wurde unruhig, sie fürchtete, etwas Ernsteres zu haben. Ihre Ärztin beruhigte sie. "Sie sagte, sie könne nicht versprechen, dass es kein Krebs ist, aber es gebe auch keine Anzeichen dafür", erzählt die Mutter zweier Kinder. Und schließlich gehörte sie zu keiner Risikogruppe: Dunn Haney hatte nie geraucht und keine Krebsfälle in der Familie.
Trotzdem drängte sie auf eine Computertomografie. Dabei entdeckten die Mediziner einen Schatten auf der Lunge - wahrscheinlich von einer alten Infektion, so die Einschätzung der Hausärztin. Sie überwies Dunn Haney an einen Spezialisten, um eine zweite Meinung einzuholen. Auch der sagte, es handle sich wahrscheinlich nicht um Krebs. Doch Dunn Haney beharrte auf einer Biopsie, bei der ein Stück Lungengewebe entnommen wird.
Im Oktober 2007, dreieinhalb Jahre nach Auftreten der ersten Symptome, diagnostizierten die Ärzte bei Stephanie Dunn Haney Lungenkrebs im vierten Stadium - Endstadium also, unheilbar.
Globale Todesstatistik
Weltweit sterben mehr Menschen an einem Lungenkarzinom als an jeder anderen Krebsart. Der größte Risikofaktor dafür ist nach wie vor das Rauchen. Doch auch bei Menschen, die nie eine Zigarette angefasst haben, scheint die Krankheit zuzunehmen. In den USA sind 17,5 Prozent aller Lungenkrebs-Patienten Nichtraucher, bei Frauen ist der Anteil sogar noch höher. Besonders hoch sind die Raten in Südostasien, wo mehr als 50 Prozent der an Lungentumoren erkrankten Frauen nie geraucht haben.
Würde dieser Nichtraucher-Lungenkrebs als eigenständige Krankheit klassifiziert, wäre sie die siebthäufigste tödliche Krebsart weltweit und die sechsthäufigste in den USA. "An einem Lungenkarzinom sterben drei- bis viermal so viele Menschen, die nie geraucht haben, wie an Gebärmutterhalskrebs", sagt Mick Peake, Atemwegsspezialist an der britischen University of Leicester.
Neue Forschungsergebnisse sprechen tatsächlich für ein ganz eigenes Krankheitsbild - und die Patienten hätten bessere Überlebenschancen, würden nicht alle über einen Kamm geschert, sondern rasch per Gentest untersucht und maßgeschneidert therapiert. Eine schnelle Behandlung wäre auch in Regionen ohne spezialisierte Krebszentren möglich. Das bestätigt eine aktuelle Studie, die Wissenschaftler vor kurzem bei einem Treffen der American Society of Clinical Oncology in Chicago vorgestellt haben.
Die Ursachen für Lungenkrebs bei Nichtrauchern sind ganz unterschiedlich: Beispielsweise kann der Tumor durch eine genetische Vorbelastung entstehen oder durch Luftverschmutzung. Manchmal ist Passivrauchen der Auslöser - auch wenn aufgrund von Aufklärungskampagnen immer weniger Menschen qualmen. Solche Warnungen scheinen einen ungewollten Nebeneffekt zu haben: Zwar geht die Zahl der Raucher zurück, doch stempeln Öffentlichkeit und etliche Ärzte viele Lungenkrebs-Patienten vorschnell als unheilbar ab. Die Betroffenen - so zeigen neuere Untersuchungen - werden deshalb mit geringerer Wahrscheinlichkeit an einen Onkologen überwiesen als Patienten mit anderen Tumorarten.
So gaben in einer Studie aus dem Jahr 2007 von 672 amerikanischen Hausärzten 228 an, sie würden eine Patientin mit Brustkrebs im fortgeschrittenen Stadium und schlechter Prognose an einen Spezialisten überweisen; bei einem Lungenkrebs-Patienten in ähnlichem Zustand wollten das nur 134 der Mediziner tun (mehr im "Journal of Thoracic Oncology")."Diese Ignoranz ist ein großes Problem", sagt die Betreuerin der Studie Joan Schiller vom Southwestern Medical Center der University of Texas in Dallas.
Eine neuere Untersuchung mit 36 Lungenkrebs-Patienten im US-Bundesstaat Wisconsin erbrachte ähnlich Ergebnisse. "Ein kritischer Punkt ist, dass die Hausärzte die Symptome nicht erkennen, vor allem bei Patienten ohne Raucher-Vorgeschichte", sagt Regina Vidaver, Geschäftsführerin des Interessenverbands National Lung Cancer Partnership und Leiterin der Studie. "Es dauert, bis die Patienten eine Diagnose erhalten." In einem Fall habe sich ein Lungenspezialist sogar geweigert, einen Patienten an einen Onkologen zu überweisen, weil seiner Ansicht nach nichts mehr habe getan werden können. "Dem Mann wurde einfach gesagt, er solle nach Hause gehen und seine Angelegenheiten regeln."
Viele sehen in dieser negativen Haltung auch den Grund, warum Forschungsprogramme zum Lungenkarzinom nur einen Bruchteil der Finanzierung bekommen, die andere Krebsarten erhalten. In Großbritannien etwa gingen 2010 nur 5 Prozent der Mittel in die Lungenkarzinom-Forschung, die Brustkrebs-Forschung bekam 19 Prozent. Werden zusätzlich die unterschiedlichen Sterberaten berücksichtigt, erscheint das Bild noch drastischer: Auf jeden Todesfall durch Brusttumore entfallen in den Vereinigten Staaten rechnerisch Forschungsgelder von 26 398 Dollar, bei Lungenkrebs sind es nur 1442 Dollar.
Der feine Unterschied
Dabei verdichten sich die Hinweise, dass Nichtraucher-Lungenkrebs eine eigenständige Krankheit sein könnte. So machten vor einigen Jahren Paul Paik und seine Kollegen am Memorial Sloan-Kettering Cancer Center in New York eine interessante Entdeckung: Lungenkrebs-Patienten, die noch nie geraucht hatten, überlebten nach der Diagnose etwa zweimal so lange wie aktive oder ehemalige Raucher. Der Ehrgeiz der Forscher war geweckt - seither versuchen sie eine Erklärung zu finden.
Im Mai dieses Jahres veröffentlichten die Wissenschaftler ihre Ergebnisse: Sie hatten verschiedene genetische Faktoren für ein erhöhtes Krebsrisiko bei Nichtrauchern und Rauchern ausgemacht. Dafür hatten sie die Tumore von 293 Menschen, die nie geraucht haben, und von 382 früheren oder aktiven Rauchern analysiert.
Die Studie erbrachte signifikante Unterschiede bei drei Genen, die wichtige signalgebende Proteine kodieren. Veränderungen in diesen Genen können das Tumorwachstum fördern: Bei den Niemals-Rauchern war die Wahrscheinlichkeit für Mutationen des EGFR-Gens mehr als doppelt so hoch, die für Variationen des ALK-Gens sogar sechsmal so hoch wie bei den beiden anderen Gruppen. Zehnmal so viele ehemalige oder aktive Raucher dagegen wiesen eine Veränderung auf dem KRAS-Gen auf (siehe Journal Cancer). "Niemals-Raucher scheinen Mutationen zu haben, die auf bessere Heilungschancen schließen lassen", sagt Paik. "Die Überlebensrate für Patienten mit KRAS-Variation ist dagegen viel niedriger."
Viele dieser Veränderungen lassen sich mit Tests nachweisen und dann gezielt behandeln. So sprechen Tumore bei einer EGFR-Mutation besser auf eine Gruppe von Medikamenten an, die das entsprechende EGFR-Protein blocken, darunter das Mittel Erlotinib (Handelsname Tarceva). Bei Veränderungen des ALK-Gens scheint Crizotinib (Handelsname Xalkori) gut zu wirken. Auch Mittel, die bei KRAS-Mutation zum Einsatz kommen, werden bereits in klinischen Studien geprüft.
Gezielt wirkende Medikamente scheinen bei Niemals-Rauchern besonders gut zu wirken, denn bei ihren Karzinomen spielen meist nur ein oder zwei Genvarianten eine Rolle - das macht Hoffnung. Lungentumore von Rauchern dagegen können Hunderte unterschiedlicher Genmutationen enthalten und sind viel schwieriger zu therapieren. "Wir können zwar nicht von Heilung sprechen, aber vielen Menschen mit EGFR- oder ALK-Mutation geht es mit diesen speziellen Medikamenten erstaunlich gut", sagt Paik. "Zwar kehrt der Krebs leider meist zurück, aber das Leben lässt sich um 18 Monate oder mehr verlängern."
Damit die Patienten richtig behandelt werden, ist vor allem eins wichtig: die richtige Diagnose. Zudem eine prompte und möglichst maßgeschneiderte Therapie. Dafür müssen auch die Ärzte umdenken und ihre Wahrnehmung schärfen, um nicht jeden Lungenkrebs-Patienten als hoffnungslosen Fall aufzugeben. "Das größte Hindernis ist, dass entsprechende Testmethoden wenig bekannt und nicht überall verfügbar sind", sagt Thomas Zander aus der Arbeitsgruppe Innere Medizin der Universitätsklinik Köln.
Beim diesjährigen Onkologen-Treffen in Chicago berichtete der Lungenkrebs-Experte über ein Screening-Netzwerk, das er mit seinen Kölner Kollegen eingerichtet hat. Es bietet unter anderem Tests für nichtspezialisierte regionale Krankenhäuser an, mit denen sich genetische Veränderungen aufspüren lassen. Bilanz der ersten 18 Monate: 2000 Gewebeproben sind eingegangen, und bei fast 80 Prozent davon war eine Diagnose möglich.
Noch aber sind solche Netzwerke die Ausnahme - bis sich das ändert, werden es viele Patienten weiterhin schwer haben, die richtige Diagnose und Zugang zu potenziell hilfreichen Medikamenten zu bekommen.
Mit dem Krebs leben
Diese Erfahrung machte auch Dunn Haney. Der erste Onkologe, den sie aufsuchte, bot ihr eine Standard-Chemotherapie an und meinte, molekulare Tests seien in ihrem Stadium sinnlos. "Ich sagte dem Arzt: Ich bin 39 Jahre alt und habe zwei Kinder im Alter von zweieinhalb und viereinhalb Jahren", erzählt sie, "ich muss den Krebs besiegen." Er freue sich, habe der Arzt geantwortet, es sei sehr gut, mit Kämpfern zu arbeiten. Doch es gebe auch ein Problem: Manchmal wüssten die Kämpfer nicht, wann sie lieber aufgeben sollten.
Trotz der düsteren Worte ließ sich Dunn Haney nicht entmutigen. Sie holte eine zweite und noch eine dritte Meinung ein. Schließlich fand sie einen Arzt in Pennsylvania, der erklärte, fortgeschrittener Lungenkrebs sei zwar nicht heilbar, aber wie Diabetes oder Herzleiden in den Griff zu bekommen.
Nach einer Chemotherapie nahm Dunn Haney die Medikamente Tarceva und Avastin ein. Zwei Jahre lang hemmten sie das Wachstums des Karzinoms. Als der Tumor wieder größer wurde, wiesen die Ärzte eine Mutation des ALK-Gens nach, und sie stieg um auf Xalkori.
Seit bei Stephanie Dunn Haney die ersten Symptome auftraten, sind acht Jahre vergangen. "Ich habe ein recht normales Energieniveau, und niemand weiß so richtig, dass ich krank bin", erzählt sie. Die Töchter Libby und Allie sind jetzt neun und sieben Jahre alt.
Ihre Mutter ist dankbar für jeden ihrer Fortschritte, den sie miterleben darf: "Ob neue Zähne, ein Sieg im Sport oder ein Abschlusszeugnis: Es ist nicht so wichtig, dass ich das sehe", sagt sie. "Wichtiger ist, die Kinder wissen, ihre Mutter war da."
Linda Geddes, first published in New Scientist © 2012
© New Scientist Deutschland GmbH
First published in New Scientist 0/2012,
Reed Business Information Ltd., England.
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